"Warum bist du eigentlich nach Deutschland gekommen?' Ganz beiläufig wird mir diese Frage gestellt. Es ist eine Frage, wie die nach dem Wetter oder "Wie geht es dir?" Es wird eine kurze, beiläufige Antwort erwartet. Aber meine Geschichte kann ich nicht beiläufig erzählen. Sie eignet sich nicht zum Plaudern auf Partys und nicht für einen kleinen Plausch in der Fußgängerzone. Wer meine Geschichte verstehen will, muss sich Zeit nehmen. Denn meine Geschichte ist lang und traurig. Meine Geschichte -jetzt will ich sie erzählen!
Ich heiße Paulo. Ich würde gerne schreiben, dass ich meine Kindheit in Angola verbracht habe, aber ich hatte keine Kindheit. Als ich 1967 in Banza Luanda zur Welt kam, wurde in Angola schon geschossen. Als ich 1988 Angola verließ, wurde immer noch geschossen.
Mein Vater war Lastwagenfahrer. Wenn es die Kämpfe zuließen, fuhr er mit seinem LKW in die Stadt und machte Besorgungen für seinen Chef, der einen Laden im Dorf hatte. Der Beruf meines Vaters brachte ein wenig "Luxus" in unser Leben: Manchmal konnte er Zucker oder Seife aus der Stadt mitbringen.
Als ich neun Jahre alt war, mussten wir mein Heimatdorf verlassen, weil die Rebellen der FNLA immer weiter nach Westen vordrangen. Das Militär brachte uns in ein Flüchtlingslager nach Songo. Dort mussten wir zu zwanzig, dreißig Leuten in einen Raum schlafen. Es gab keine Betten. Zwischen den vielen Menschen konnte man sich nur auf Zehenspitzen hindurchschleichen. Vor der Baracke gab es einen Sportplatz. Dort vertrieben wir Kinder uns oft die Zeit. Manchmal wurde auf dem Sportplatz geschossen. Dann rannten wir um unser Leben oder pressten uns blitzschnell auf den Boden. Es gab keinen Platz zum Spielen, es gab kein Spielzeug. Bei den Pionieren sangen wir "Eu vou, eu vou morrer em Angola, com arma de guerra na mão" -"Ich werde, ich werde in Angola sterben mit dem Gewehr in der Hand." Über drei Millionen Menschen sind in diesem Krieg wirklich gestorben. Krieg bedeutet nicht nur Gewalt, sondern auch Hunger: Oft konnten wir bei dem Rumoren unserer Bäuche nicht schlafen. In unserem Dorf gab es Rebellen, aber auch Maniok, Mais, Erdnüsse und Früchte. Wenn man zwei Tage nichts gegessen hat, wird man mutig.
Unsere Felder lagen etwa fünfzehn Kilometer vom Flüchtlingslager entfernt. Wenn wir Glück hatten, begleitete uns das Militär zu unseren Feldern. Wenn wir Pech hatten, mussten wir alleine gehen. Wir hatten oft Pech. Wir sind in Gruppen zu unseren Feldern gegangen. Auch wir Kinder sind mitgelaufen. Einmal ist die Gruppe vor uns von Rebellen überrascht worden. Die Kinder wurden sofort getötet. Den Männern hackten die Rebellen Arme, Beine und Köpfe ab. Die Frauen nahmen sie mit. Wir hörten Schüsse, Schreien, Weinen. Die Angst im Nacken, flüchteten wir unter eine Brücke. Bald darauf kamen die Rebellen und machten auf der Brücke direkt über uns Pause. Wir hörten ihr Schmatzen und die derben Späße mit den verschleppten Frauen. Wir sind in das eiskalte Wasser getaucht. Damit niemand von der Strömung weggespült wurde, haben wir uns an den Händen gehalten. Ich kann bis heute nicht schwimmen und weiß nicht, warum ich damals nicht ertrunken bin.
Stundenlang haben wir im eiskalten Wasser ausgeharrt. Jedes Plätschern hätte unseren Tod bedeuten können. Die Rebellen zogen weiter. Aber erst Stunden später trauten wir uns aus unserem Versteck. Wir waren mit dem Leben davon gekommen. Aber wo sollten wir hin? Vor uns lag unser Dorf, besetzt von Rebellen. Hinter uns lag der lange Weg ins Flüchtlingslager, auf dem nun auch die Rebellen marschierten.
Sechzehn Jahre lebe ich nun in Deutschland - fast mein halbes Leben. In Deutschland fühle ich mich zu Hause aber mein Herz schlägt angolanisch. 2001 bin ich nach Angola geflogen. Der Krieg in Angola ist vorbei, aber in den Menschen lebt er weiter. Verkrüppelte Soldaten betteln in den Strassen Luandas. Sie haben alles für Angola gegeben - nun lässt Angola sie allein. Das Morden war in Angola Alltag. Nun ist der Krieg vorbei und der Alltag geht weiter. Menschen, die gezwungen wurden zu töten, töten jetzt für etwas zu essen. Mütter sehen die Vergewaltiger ihrer Töchter täglich durch die Stadt laufen. Mörder leben neben Opfern.
In den Strassen von Luanda habe ich einen Jungen die Geschichte Angolas rappen hören. Wenn ich eines Tages nach Angola zurückkehre, möchte ich die Musik mit nach Angola bringen. Ich möchte, dass die Menschen wieder singen, lachen und tanzen können."
Paulo G.
Aus dem Buch:
"Fluchtwege - Lebenswege. Meine Geschichte: Jetzt will ich sie erzählen"
Hrsg.: Deutsche Stiftung für UNO-Flüchtlingshilfe e.V.; Bonner Institut
für Migrationsforschung und Interkulturelles Lernen e.V.; Evangelische
Migrations- und Flüchtlingsarbeit, Bonn
Free Pen Verlag, Bonn, 2005
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Angolanische Flüchtlingskinder in Sambia. © UNHCR/L.Boscardi |