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Die Tage waren ruhig, die Nächte jedoch kaum zu ertragen.
Detonationen und Sprengungen von nicht-serbischen Objekten sowie Schießereien
störten die Nachtruhe. Manche Serben haben stolz erzählt, dass fast
jede Hütte in den Umgebungsdörfern von Banja Luka voll mit Waffen
sei. Traurigerweise wussten wir alle, dass diese Waffen durch alle Jugoslawen
gemeinsam finanziert wurden. Meine Freundin Esma hat resigniert gejammert:
"Es tut mir weh, dass mich vielleicht jemand mit den Waffen umbringen
wird, die ich selber bezahlt habe."
( ) Eines Tages ging ich von der Arbeit nach Hause, es war nach 19 Uhr. Ich brauchte etwa zwanzig Minuten, um nach Hause zu kommen. Meine Kinder haben zu Hause auf mich gewartet, deshalb ging ich einen kürzeren Weg, um früher zu Hause zu sein. Die Straße war fast leer. Vor mir ging ein junger Mann in Uniform, und er war bewaffnet. Er hat sich oft umgedreht, mich angeguckt, und er wurde langsamer. Ich ging auch langsamer, habe versucht ihn nicht einzuholen. Ich habe angenommen, dass er mich gekannt hat. So gingen wir einige Zeit, bis er sein Maschinengewehr von der Schulter in die Hände genommen hat, sich umgedreht hat und es auf mich gerichtet hat.
Vor lauter Schreck war ich wie gelähmt. Meine Tasche habe ich auf die
Brust gedrückt und gedacht: "Lieber Gott, was wird mit meinen Kindern
sein?" Ich weiß nicht, wie ich mich weiter auf den Beinen gehalten
habe. Daraufhin hat er seine Waffe zum Himmel gerichtet und sein ganzes Magazin
abgefeuert. Ich stand da wie versteinert. Er hat ein sarkastisches, schreckliches
Lachen von sich gegeben, welches ich heute immer noch höre. Er ging dann
in eine Nebenstraße nach links.
Eines Nachmittags ist mein Mann aus der Stadt zurückgekommen und hat fröhlich gelächelt. Lachend hatte ich ihn seit langem nicht mehr gesehen, und es überraschte mich umso mehr. "Ich habe Busfahrkarten nach Deutschland besorgt", erzählte er glücklich. Ich konnte es nicht glauben. Vor Freude habe ich ihn umarmt und gesagt: "Ab jetzt kannst du machen, was du willst, ich werde dir alles verzeihen."
Aus Banja Luka sind speziell für in den westlichen Ländern arbeitende Menschen Reisebusse organisiert worden. Der Vater einer seiner ehemaligen Schülerinnen hatte ihm diese begehrten Fahrkarten verschafft. Leider waren es nur drei. Unsere Familie hätte aber vier gebraucht. Mein Mann schlug vor, dass ich mit den Kindern nach Deutschland fahre. Mit der Bescheinigung vom Militär würde er es irgendwie schaffen, aus Banja Luka zu entkommen.
Für mich dauerte die Zeit bis zum nächsten Morgen wie eine Ewigkeit. Am Morgen erfuhren meine Kinder, dass wir drei nach Deutschland zu ihrem Onkel fahren. Es wäre zu auffällig gewesen, wenn wir zu viel Gepäck mitgenommen hätten. Also haben wir uns nur auf das Nötigste beschränkt. Unser gesamtes Gepäck bestand aus einer kleinen Tasche mit Kindersachen.
Mein Mann begleitete uns bis zum Bahnhof. Als wir in dem Bus den Bahnhof
verließen, blieb er in seinem blauen Jeansanzug wie erstarrt stehen,
solange ich ihn sehen konnte. Dieser Abschied ist uns beiden sehr schwer gefallen.
Während der Fahrt hatte ich panische Angst. Ich wusste, dass überall
serbische Extremisten lauerten, welche gewissenlos töteten, verhafteten
und raubten. Auf dem Weg durch Bosnien wurden wir etliche Male von uniformierten
oder teilweise uniformierten Männern angehalten und kontrolliert. Besonders
die männlichen Fahrgäste wurden strengen Kontrollen unterzogen.
Trotzdem fragte ich mich ständig, ob ich bei der nächsten Kontrolle
durchkommen würde.
Irgendwo bei Doboj stiegen Freischärler in den Bus ein und kontrollierten die Insassen. Sie waren teilweise maskiert und erinnerten mich irgendwie an Piraten. Ein junger Mann unter diesen Leuten trug um den Hals eine Kette mit einem Halbmond und Stern als Anhänger. Ich war von Angst wie gelähmt und meine Augen starrten auf diesen Anhänger. Der Mann hat das gemerkt und die Kette unter seinem Hemd versteckt. Diese "Piraten" haben zwei Männer aus dem Bus rausgeholt. Nach einigen Stunden waren wir in Serbien. Das merkte man daran, dass keine Kontrollen mehr durchgeführt wurden.
Nach einigen Tagen hat mein Mann mit der Hilfe des gleichen Bekannten versucht, Banja Luka zu verlassen. Die Kontrollen waren immer noch streng. Die Bescheinigung, welche ihm von Zlatko [einem Arbeitskollegen] ausgestellt wurde, hat ihm viel geholfen. Serbische Paramilitärs haben aus seinem Bus elf junge Männer rausgeholt und mitgenommen. Da er die Erlaubnis besaß, die Stadt dienstlich zu verlassen wurde er von den Paramilitärs verschont.
Traurigerweise endete seine Fahrt in Ozren, wo serbische Extremisten ein Folterlager eingerichtet hatten. Dort hat er schreckliche Bilder gesehen. In der Nacht gelang es ihm und einem jungen Kroaten, von dort zu fliehen und wieder nach Banja Luka zurückzukommen.
Im zweiten Anlauf hat er es endlich per Flugzeug und unter falschem Namen geschafft, nach Belgrad zu gelangen. Die schönste Nachricht meines Lebens war es, als mich meine Schwester angerufen hat und ich erfuhr, dass mein Mann in Wien war.
( ) Hier in Deutschland waren wir in Sicherheit und materiell versorgt. Die deutsche Großzügigkeit hat mich fasziniert und dafür empfinde ich unendliche Dankbarkeit und Bewunderung, besonders wegen unseren Kindern. Dank den Deutschen konnten sich unsere Kinder schnell integrieren und ihre Kindheit weiter normal leben, die Schule besuchen und eine Zukunft aufbauen.
Leider war ich viel zu stark mit meinem Land seelisch verbunden. So stark,
dass ich physisch in Deutschland gewesen bin, aber seelisch in Ex-Jugoslawien.
Aus Sandzak, einer Provinz in Serbien, wo überwiegend Muslime leben,
kamen Nachrichten, dass die Menschen dort von den serbischen Polizisten gefoltert,
misshandelt und geschlagen worden sind. Gehirnerschütterungen, Knochenbrüche
und Krankenhausaufenthalte waren die Folge dieser Torturen. Manche sind ermordet
worden. Das ist meinen Verwandten, Bekannten, den Menschen, die ich liebe,
alles passiert.
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Serifa H.
Aus dem Buch:
"Fluchtwege - Lebenswege. Meine Geschichte: Jetzt will ich sie erzählen"
Hrsg.: Deutsche Stiftung für UNO-Flüchtlingshilfe e.V.; Bonner Institut
für Migrationsforschung und Interkulturelles Lernen e.V.; Evangelische
Migrations- und Flüchtlingsarbeit, Bonn
Free Pen Verlag, Bonn, 2005
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Kriegsspuren in Bosnien.. © UNHCR/R.LeMoyne |