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Gefangener floh mit seinem Gefängniswärter

Semere Kesete studierte Rechtswissenschaften in Eritrea. Während seiner Studienzeit wurde Semere im April 2001 zum Vorsitzenden der Studentenvertretung an der Universität gewählt. Wichtigste Aufgabe der Studentenvertretung war der Schutz und die Verteidigung der Rechte der Studierenden.

Die Regierung setzte die Studentenvertretung unter Druck, als diese gegen die Regierungspolitik opponierte. Als Vorsitzender der Studentenvertretung hatte Semere eine herausragende Position. Am 31. Juli 2001, drei Tage nach bestandenem Examen an der Universität, wurde Semere am frühen Morgen von drei Sicherheitsbeamten zu Hause aufgesucht. Semeres Schwester öffnete, Semere lag noch im Bett. Die Sicherheitsbeamten gingen ins Schlafzimmer und forderten Semere auf, sich anzuziehen und ihnen zu folgen. Semere erkundigte sich, wer sie seien, auch wenn er bereits das Schlimmste befürchtete. Einer der Polizisten zog seine Brieftasche heraus und zeigte einen Ausweis. Da sah Semere, dass er bewaffnet war.

Semere hatte keine Wahl. Er zog sich an, und die drei Männer brachten ihn in einem Privatauto zur Polizeistation. Die Polizeistation hatte zwei Abteilungen: Der vordere Teil der Station war die "normale" Polizeistation, während weiter hinten im Gebäude die geschlossene Abteilung für Personen war, die aus politischen Gründen verhaftet wurden.

Ohne Gerichtsverhandlung in Isolationshaft

In der geschlossenen Abteilung wurde Semere aufgefordert, seine Schuhe auszuziehen und sich zu setzen. Semere wurde mitgeteilt, dass er verhaftet war und niemanden sprechen durfte. Wenn er zur Toilette müsste, sollte er an die Zellentür klopfen und seine Gefangenennummer angeben, nicht seinen Namen, erklärten ihm die Beamten. Semere wurde in eine Isolationszelle gesperrt und erhielt keine weiteren Auskünfte. Nach zwei Tagen gelang es ihm, seine Wärter anzusprechen. Semere erklärte ihnen, dass sie gesetzlich verpflichtet seien, ihn nach 48 Stunden vor Gericht zu führen und ihre Beschuldigungen gegen ihn vorzutragen.

Niemand kümmerte sich jedoch um die Proteste Semeres, und erst nach neun Tagen wurde er vor Gericht gebracht. Der Richter fragte den Polizisten, der Semere abgeführt hatte, was Semere vorgeworfen würde. Der Polizist erklärte, dass er dies nicht wisse.
Semere sagte dem Richter, dass es keinen Haftbefehl gegen ihn gab, doch dies brachte ihn nicht weiter: Er wurde in die Isolationszelle zurückgebracht.

In einem Brief an die Botschaft von Eritrea in Stockholm verurteilten die vereinigten schwedischen Studentenvertretungen am 2. August 2001 die Verhaftung von Semere Kesete. Im Schreiben wird die Regierung von Eritrea aufgefordert, Semere Kesete sofort frei zu lassen sowie das Recht auf Meinungs- und Bewegungsfreiheit zu respektieren.
Während der ersten zwei Wochen in Untersuchungshaft musste Semere Handschellen tragen. Er war völlig allein und ohne Beschäftigung in seiner Zelle, und erst nach fünf Monaten erhielt er die Genehmigung, Bücher zu lesen. Er hatte keinen Zugang zu Radio oder Zeitungen. Semeres Familie durfte ihn nicht besuchen, er konnte jedoch Geld und Lebensmittelpakete von ihr empfangen.

Asmara, die Hauptstadt Eritreas, ist hoch über dem Meeresspiegel gelegen, und es war manchmal kalt in der Zelle. "Doch am schlimmsten war die Einsamkeit", sagt Semere über seine Zeit im Gefängnis.

15 Minuten im Paradies

Nach drei Monaten durfte er drei Tage pro Woche jeweils 15 Minuten lang ins Freie. "Ich habe mich wie im Paradies gefühlt, als ich die 15 Minuten bekam", erinnert sich Semere. "Es gab Häftlinge, die sechs Monate oder ein ganzes Jahr lang nicht hinaus durften."
Allmählich bekam Semere Kontakt zu einem Gefängniswärter namens Mahari. Es stellte sich heraus, dass beide 1990 - mit 16 beziehungsweise 15 Jahren - Mitglieder der Befreiungsbewegung gewesen waren. Semere unterhielt sich öfters mit Mahari, scherzte mit ihm, und die Beziehung wurde immer freundschaftlicher.

Semere schmiedet Fluchtpläne

Eines Tages schlug Semere Mahari vor, gemeinsam aus dem Gefängnis zu fliehen. "Du bist ja verrückt", antwortete Mahari und knallte die Zellentür zu. Doch mit der Zeit gelang es Semere, Mahari von einer gemeinsamen Flucht zu überzeugen.

"Ich hatte nichts zu verlieren", sagt Semere. "Ein anderer Gefangener war bereits seit zehn Jahren ohne Verhandlung in der Abteilung, und ich wusste nicht, wie lange ich dort bleiben würde."

Semere und Mahari begannen Fluchtpläne zu schmieden. Zunächst wollten sie bei Nacht fliehen, da man wegen der Reparatur des Stromnetzes vor einem Stromausfall in Asmara gewarnt hatte. Doch die Reparatur konnte ohne Stromabschaltung in der Stadt erfolgen, daher konnten sie diesen Plan nicht durchführen.

Mahari meinte, es sei am sichersten, das Gefängnis zu zweit mitten am Tag zu verlassen. Dann würden viele Menschen auf den Straßen unterwegs sein, und sie würden keine Aufmerksamkeit erregen. Mahari sollte seine Uniformjacke tragen.

Zuflucht in Schweden

Am 28. Juli 2002 war es so weit: Damals war Semere bereits ein Jahr ohne Gerichtsverhandlung in Isolationshaft. Mahari sperrte zunächst Semeres Zelle auf, danach weitere Türen, und gemeinsam mischten sie sich ins lebhafte Treiben auf den Straßen der Stadt, um nicht aufzufallen.

Sie flohen zu Fuß aus der Stadt hinaus aufs Land. Sie mieden bebaute Gegenden und andere Menschen, hungerten und tranken Wasser aus Erdpfützen. Fünf Tage lang wanderten sie, bis sie Äthiopien erreichten.

In Äthiopien wurden Semere und Mahari von schwedischen Abgeordneten nach Schweden eingeladen, um von der Situation in ihrem Heimatland zu berichten. Semere kehrte nach Äthiopien zurück, während Mahari bereits beim ersten Mal in Schweden blieb. Doch Semere fühlte sich nicht sicher in Äthiopien, und als er ein zweites Mal nach Schweden eingeladen wurde, beschloss er, in diesem Land Asyl zu beantragen. Am Tag vor Heiligabend 2004 erhielt Semere die Genehmigung, in Schweden bleiben zu dürfen, und die Möglichkeit, ein neues Leben aufzubauen.

 

Semere Kesete på UNHCR:s regionkontor i Stockholm vid intervjutillfället

Semere Kesete

© UNHCR/K. Rodriguez