"Der Anruf war ausschlaggebend. Zwar hatte ich schon nach meiner Gerichtsverhandlung den Entschluss gefasst zu fliehen, doch wollte ich eigentlich noch vorher mein Haus verkaufen. Den Bus, mit dem ich früher Fahrgäste transportiert hatte, war ich schon für 22 Milliarden Lira Iosgeworden. Und dann hatte ich mit meiner ältesten Tochter und meinem größten Sohn gesprochen. "Entweder muss ich ins Gefängnis, werde von den Soldaten umgebracht oder ich muss fliehen."
Dann kam der Anruf. Ein Dorfbewohner rief mich auf dem Handy an, Militärfahrzeuge fuhren ins Dorf ein. Mir blieb keine Zeit, mit jeder Minute wurde die Gefahr größer. Ich ging. Sofort. Und zu Fuß. Meine Frau war dagegen. Sie befürchtete, dass das Militär das Dorf bereits umzingelt hatte. Aber ich ging trotzdem. Mir blieb keine Wahl. Nach zwanzig Kilometer Fußweg durch den Wald nahm mich ein Auto mit nach Batman. Zu meiner Tante. Ich hatte große Angst. Am Telefon erzählte meine Frau, dass der Kommandant nach mir gefragt hätte. Ich solle mich melden, hatte er gesagt. Mein Cousin fuhr schließlich in der folgenden Nacht ins Dorf und holte meine Frau und unsere drei Kinder. Und er versuchte, einen Schlepper zu finden.
Meine, eigentlich unsere Flucht nahm jetzt schnell konkretere Formen an. Nach wenigen Tagen gab es erste Verhandlungen mit Schleppern. Sie verlangten sofort 5.000 Euro bar, außerdem ein Flugticket nach Ankara für den Schlepper. Ich selbst fuhr zusammen mit meiner Familie nach Ankara. Mit dem Bus, wegen meiner Flugangst.
In Ankara stiegen wir in dem Hotel ab, in dem wir mit den Schleppern verabredet waren. Und warteten. Ganze 27 Tage warteten wir und verließen in der Zeit nicht das Hotel. Es gab weder ausreichend Raum noch ein Bad noch eine Möglichkeit, unsere Wäsche zu waschen. Und das Essen wurde von außen geliefert, war also extrem teuer. Die Schlepper tauchten nicht auf. 27 Tage lang. Also machten wir uns alleine auf den Weg, heimlich, mit dem öffentlichen Bus nach Mersin. Zu meinem Schwager.
Und wieder suchten wir einen Schlepper. Und fanden einen, nach einer Weile. Der Schlepper verlangte 13.000 Euro für den Transport in einem großen LKW, von Istanbul nach Europa. Diesmal war ich vorsichtiger. Ich vereinbarte die Geldübergabe vor Zeugen. Und so machten wir uns abermals auf den Weg nach Istanbul. Am Busbahnhof holte uns der Schlepper ab und brachte uns nach Zeytinpurnu in eine Hochhaus-Wohnung im siebten Stock. Um Mitternacht kam die Information, dass der LKW am nächsten Morgen starten würde.
Um fünf Uhr früh ging es los. Man brachte uns zu einer Mobil-Tankstelle.
Hier kletterten wir auf die Ladefläche eines LKW. Dazu musste erst ein
Haufen Kisten ausgeräumt werden, wir hinein, und dann wurden alle Kisten
wieder eingeräumt. Es gab Wasser und Nahrung. Aber es gab keine Toiletten.
Es blieb nur der Boden des LKW. Für größere Geschäfte
gab es Tüten. Es war das Jahr 2001, in dem wir unser Heimatdorf in der
Türkei verließen und Deutschland erreichten.
"
Erwan Ö.
Aus dem Buch:
"Fluchtwege - Lebenswege. Meine Geschichte: Jetzt will ich sie erzählen"
Hrsg.: Deutsche Stiftung für UNO-Flüchtlingshilfe e.V.; Bonner Institut
für Migrationsforschung und Interkulturelles Lernen e.V.; Evangelische
Migrations- und Flüchtlingsarbeit, Bonn
Free Pen Verlag, Bonn, 2005
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Kontrolle eines Lastwagens in Kent/Großbritannien. © UNHCR/A. Johnstone |