Zur Startseite von Last Exit Flucht

Kein Asyl für Flüchtlinge aus Europa

Was der junge amerikanische Journalist Varian Fry Mitte der 30er-Jahre in Berlin erlebte, konnte er nicht vergessen:

"In Berlin wurde ich auf dem Kurfürstendamm Zeuge der ersten großen Judenverfolgungen, sah mit eigenen Augen, wie sich junge Nazischläger zusammenrotteten und jüdische Cafés demolierten, beobachtete mit Entsetzen, wie sie jüdische Caféhausbesucher von ihren Stühlen rissen, hysterisch schreiende Frauen die Straße hinuntertrieben, einen alten Mann zu Boden warfen und ihm ins Gesicht traten", schrieb Fry*, der als Korrespondent für ein US-Magazin in der deutschen Hauptstadt arbeitete.

Illegale Fluchthilfe

Jahre später reiste Varian Fry im Auftrag der amerikanischen Hilfsorganisation "Emergency Rescue Committee" nach Marseille. In der Stadt hielten sich viele Flüchtlinge auf, denen die Auslieferung durch das französische Vichy-Regime an die deutschen Behörden drohte. Frys Auftrag war es deshalb, möglichst vielen von den Nazis bedrohten Menschen - Juden, Politiker, Schriftsteller, Künstler - bei der Ausreise zu helfen.

Er musste sich dabei illegaler Mittel bedienen. Er kaufte gefälschte Pässe und ließ Visa nachmachen. Damit konnten die Flüchtlinge ins Ausland entkommen. Auf legalem Wege hätten sie kaum aus Frankreich aus- oder in andere Länder einreisen können. Sie hätten nur auf die Auslieferung in deutsche Gefängnisse und Vernichtungslager warten können.

Rund 2000 Menschen konnte Fry in den Jahren 1940 und 1941 in Länder wie die USA und Portugal schmuggeln, bevor er des Landes verwiesen wurde. Unter den Geretteten waren viele bekannte Persönlichkeiten wie der Maler Marc Chagall, die Philosophin Hannah Arendt und die Schriftsteller Franz Werfel, Lion Feuchtwanger und Heinrich Mann.

Flüchtlingsschiff abgewiesen

Längst nicht alle Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland erreichten ihr Ziel. Selbst diejenigen, die das Land verlassen konnten, wurden in letzter Minute zurückgewiesen, weil kein Staat sie aufnahm.

Ein Beispiel hierfür ist die Irrfahrt der MS "St. Louis". Das Passagierschiff nahm im Jahr 1939 von Hamburg aus Kurs auf Kuba. An Bord waren 937 jüdische Flüchtlinge - Männer, Frauen und Kinder. Aber die kubanischen Behörden ließen nur wenige von ihnen an Land.

Das Flüchtlingsschiff näherte sich nun der Küste von Florida. Aber auch die USA waren nicht bereit, den Passagieren Asyl zu gewähren, und die "St. Louis" musste nach Europa zurückkehren. Die verzweifelten Passagiere fürchteten schon die Deportation durch die Nationalsozialisten, als es doch noch gelang, im holländischen Antwerpen anzulegen. Sie waren zunächst in Sicherheit. Als aber die Deutschen in Holland einmarschierten, wurden doch noch viele der Flüchtlinge in Konzentrationslager deportiert und ermordet.

Asyl als Verhandlungssache

Schon ein Jahr zuvor, im Juli 1938, hatte die Staatengemeinschaft erfolglos versucht, freiwillige Aufnahmequoten für die Verfolgten des Nazi-Regimes festzulegen. Im schweizerischen Évian fand damals eine Konferenz mit Vertretern von 32 Staaten statt, die sich über die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich einigen wollten.

Das Ergebnis war beschämend: Kein einziger Staat fand sich zur Aufnahme von zusätzlichen Flüchtlingen bereit.

Die spätere israelische Premierministerin Golda Meir schrieb über die Konferenz:

"Dazusitzen, in diesem wunderbaren Saal, zuzuhören, wie die Vertreter von 32 Staaten nacheinander aufstanden und erklärten, wie furchtbar gern sie eine größere Zahl Flüchtlinge aufnehmen würden und wie schrecklich Leid es ihnen tue, dass sie das leider nicht tun könnten, war eine erschütternde Erfahrung. [...] Ich hatte Lust, aufzustehen und sie alle anzuschreien: Wisst Dir denn nicht, dass diese verdammten 'Zahlen' menschliche Wesen sind, Menschen, die den Rest ihres Lebens in Konzentrationslagern oder auf der Flucht rund um den Erdball verbringen müssen wie Aussätzige, wenn Ihr sie nicht aufnehmt?"

Ein neues Abkommen zum Flüchtlingsschutz

Eine der wichtigsten Lehren aus der gescheiterten Flüchtlingskonferenz von Evian war, dass man den Schutz von Flüchtlingen auf eine feste und verbindliche Grundlage stellen musste. Nach dem Zweiten Weltkrieg geschah genau das: In einem internationalen Vertrag - der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 - verpflichteten sich die Unterzeichnerstaaten, Schutzsuchende niemals dorthin zurückzuweisen, wo ihnen Verfolgung droht.

* Varian Fry. "Auslieferung auf Verlangen. Die Rettung deutscher Emigranten aus Marseille 1940/41". Frankfurt/M.: Fischer, 1995

Hamid i sin skola

900 jüdische Flüchtlinge erreichten 1939 an Bord der "St. Louis" den Hafen von Havanna (Kuba).

© Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz