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Flüchtlingshilfe nach dem Zweiten Weltkrieg -
Rückblick auf die ersten UNHCR-Programme in Deutschland und Österreich


Den Tag vor fast einem halben Jahrhundert, an dem sie das Flüchtlingslager in der Nähe von Hamburg verlassen konnte, hat Olga Hermann* heute noch in ganz besonderer Erinnerung. "Das war herrlich!", sagt die 84-Jährige Frau. "Endlich konnten wir wieder normal leben." Bis heute wohnt sie in der damals mit Hilfe von UNHCR entstandenen kleinen Dreizimmer-Wohnung, in die sie 1959 mit ihrer Familie einzog.

Sie hatte 14 Jahre lang mit Mann und Kind in einem Flüchtlingslager gelebt. Die Familie teilte sich ein Zimmer in einer Baracke, die während der Kriegsjahre als Unterkunft für polnische Zwangsarbeiter gedient hatte.

Mehrere Millionen Menschen verschleppt

Olga Hermann und ihre Familie stammten aus Estland. Im Nachkriegsdeutschland galten sie als "Displaced Persons" (später verwendeten die westdeutschen Behörden den Begriff "Heimatlose Ausländer") und gehörten damit zu einer der ersten Flüchtlingsgruppen, die unter dem Mandat von UNHCR stand, nachdem die Organisation 1951 ihre Arbeit aufgenommen hatte, um europäische Flüchtlinge zu unterstützen.

Als "Displaced Persons" bezeichnete man Millionen von Menschen in Europa, die sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 außerhalb ihres Heimatlandes befanden - zumeist ehemalige Zwangsarbeiter oder Häftlinge aus Konzentrationslagern. Die Nationalsozialisten hatten während des Krieges allein 11,3 Millionen Menschen - überwiegend Osteuropäer - zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt.

Obwohl die Mehrzahl der "Displaced Persons" nach Kriegsende heimkehren konnte, verblieben auch Jahre später Hunderttausende in Westdeutschland und anderen europäischen Ländern. Sie befürchteten, dass ihnen in den von der Sowjetunion kontrollierten Gebieten Repression und Verfolgung drohten. Unter ihnen war auch die Familie von Olga Hermann. Sie beschlossen, nicht nach Estland heimzukehren, weil sie dort um ihr Leben fürchten mussten. Einige ihrer Verwandten waren bereits nach Sibirien deportiert worden.

Flüchtlingslager existierten bis in die 60-er Jahre

Die "Displaced Persons" wurden über Jahre hinweg in Flüchtlingslagern untergebracht, von denen die letzten in Westdeutschland erst Anfang der sechziger Jahre geschlossen wurden. Als Unterkünfte dienten ehemalige Lager für Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene oder alte Militärbaracken, die zunächst in sehr schlechtem Zustand waren. Vor allem in den Anfangsjahren stellten Krankheiten wie Tuberkulose eine Bedrohung dar.

Als Staaten wie die USA, Kanada und Australien der Neuansiedlung von Flüchtlingen aus Europa zustimmten, emigrierten Hunderttausende. Aber nicht jedem stand dieser Weg offen. Für diejenigen, die in den Camps zurückblieben - unter ihnen viele Alte und Kranke, aber auch Familien mit Kindern - war die Situation umso bitterer. Sie litten unter der Perspektivlosigkeit.
"Im Lager blieben viele Schwerbeschädigte. Da waren alle, die entweder nicht auswandern wollten oder krank waren", erinnert sich Olga Hermann. "Wir wollten auch ausreisen, aber es ging nicht. Weil mein Mann lungenkrank war, wurden wir nicht akzeptiert."

Im September 1951, als UNHCR ein Büro in Bonn eröffnete, lebten 245.000 nichtdeutsche Flüchtlinge in Westdeutschland, von denen 56.000 in 143 Flüchtlingslagern untergebracht waren, die von den Behörden verwaltet wurden. In Österreich lebten rund 50.000 Flüchtlinge in Lagern, darunter neben den "Displaced Persons" auch "Volksdeutsche" aus Ländern wie Rumänien und Ungarn. Sie standen gleichermaßen unter dem Mandat von UNHCR.
UNHCR fehlten zunächst die Mittel, um die Flüchtlinge materiell zu unterstützen

Der erste UN-Flüchtlingskommissar, Gerrit Jan van Heuven Goedhart, forderte 1952 vehement mehr internationale Hilfe: "Ich kann gar nicht genug betonen, wie notwendig internationales Handeln ist, um das Elend der Menschen zu beenden, die in den letzten sechs oder sieben Jahren in Lagern in Mitteleuropa leben mussten", sagte er vor dem Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen.

Aber zwei Jahre später hatte sich nicht viel verändert - durchschnittlich hatte nur einer von fünf Flüchtlingen in Österreich und Westdeutschland die Flüchtlingslager verlassen können. Der Vorsitzende des Nobelpreis-Komitees, Gunnar Jahn, wies 1954 in seiner Laudatio auf UNHCR auf die Folgen hin: "Sicher, die Flüchtlinge bekommen genug Essen zum Überleben. Aber was sonst? Bedrückende Hoffnungslosigkeit Tag für Tag, schlechte Unterkünfte, noch schlechtere Kleidung und Sanitäranlagen. Nichts zu tun, als den ganzen Tag dazusitzen, zu warten und warten. Auf was? Auf etwas, auf das sie sich nicht einmal mehr Hoffnung machen. Was bringt es, ein paar Kinder in ein anderes Land in den Urlaub zu schicken, nur um sie dann wieder in ihre Camps zu schicken?"

Berufsförderung und Wohnungsbau

Ab 1955 hatte UNHCR schließlich die Mittel, um bedürftige Flüchtlinge mit Unterkünften und Ausbildungsprogrammen unterstützen zu können. In Westdeutschland und Österreich förderte das UN-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR den Bau einfacher Wohnungen und vergab Finanzhilfen für den Kauf von Hausrat. Junge Menschen konnten durch die Berufsförderung Arbeitsplätze finden. Berater von UNHCR und Hilfsorganisationen halfen den Flüchtlingen, Arbeit und Wohnraum außerhalb der Camps zu finden.

Ermöglicht wurde dies durch einen von UNHCR verwalteten Sonderfonds der Vereinten Nationen, in den 21 Regierungen eingezahlt hatten ("United Nations Refugee Fund" - UNREF). UNHCR setzte die Programme später mit Geldern aus dem eigenen Budget fort. Obwohl der Großteil der UNREF-Mittel in Deutschland und Österreich verwendet wurde, floss ein Teil des Geldes auch in Flüchtlingsprogramme für andere Länder wie Italien und Griechenland.
Als Anfang der sechziger Jahre die letzten Flüchtlingslager für "Displaced Persons" geschlossen wurden, hatten alleine in Westdeutschland 19.336 Menschen Hilfe von UNHCR erhalten. 3.325 Wohnungen waren mit finanzieller Unterstützung der Organisation entstanden.

In einigen der Wohnungen lebt heute noch die erste Generation von Flüchtlingen, so wie Olga Hermann. "Wir haben hier Arbeit gefunden, unser Sohn konnte hier zur Schule gehen", blickt sie zurück. Die Integration war erfolgreich; die Kinder und Enkelkinder der "Displaced Persons" wurden zumeist eingebürgert und sehen sich nicht mehr als Fremde.

* Name geändert

daghem på en flyktingförläggning i Norge

Zu den Millionen Heimatlosen am Ende des Zweiten Weltkrieges zählten auch diese Flüchtlinge aus Osteuropa in einem Lager in Deutschland (1953).

© UNHCR