Samira* ist 17 Jahre alt und kam vor einem Jahr alleine nach Deutschland. Sie wurde schon mit fünf Jahren zum Flüchtling. Geboren wurde sie in Somalia, einem Land, in dem seit 1991 Bürgerkrieg und Chaos herrscht.
Nachdem ihre Eltern ermordet worden waren, floh sie im Alter von fünf Jahren mit ihren Onkel nach Kenia. Dort lebte sie zehn Jahre in der Nähe von Nairobi. Schließlich wollte ihr Onkel sie gegen ihren Willen verheiraten.
Nachdem sie von ihrem künftigen Ehemann vergewaltigt wurde, floh sie. Alles, was sie auf den weiten und gefährlichen Weg nach Europa mitnehmen konnte war etwas Geld.
Für ihre 17 Jahre sieht sie sehr jung aus, sie ist zierlich und ein bisschen schüchtern.
Auf Initiative ihres Vormundes kam Samira zu einem Projekt für Flüchtlinge in einer deutschen Großstadt. Dabei hatte die damals 16-Jährige Glück, denn eigentlich haben Flüchtlinge, die älter als 15 Jahre sind, keinen rechtlichen Anspruch auf eine Schul- oder Sprachausbildung. Das Schulprojekt soll minderjährigen Flüchtlinge zum Hauptschulabschluss führen, die keinen Zugang zum normalen Schulsystem haben.
Zusätzlich wird dort Deutsch als Fremdsprache gelehrt, um den Jugendlichen das Leben in Deutschland zu vereinfachen und den Unterricht überhaupt erst zu ermöglichen.
Samira kam in eine Klasse mit 15 jugendlichen Flüchtlingen aus aller Welt, als das neue Schuljahr schon angefangen hatte.
Sie erzählt, dass mit ih auch ein irakischer Junge neu in die Klasse kam. Erst hätten sie das lateinische Alphabet gelernt, sagt sie, "aber das konnte ich ja schon, mir war das zu langweilig. Das habe ich in Kenia gelernt. Ich konnte in dieser Schrift lesen und schreiben, aber nicht deutsch sprechen."
Für den irakischen Jungen, der natürlich die arabische Schrift in der Schule gelernt hatte, war dies hingegen alles neu. Die unterschiedlichen Ansprüche und Bildungsniveaus der Jugendlichen machen den Unterricht oft schwierig.
Als Samira bat, in eine höhere Klasse zu kommen, wurde ihr das nach zwei Wochen genehmigt. Inzwischen wurde sie schon wieder eine Klasse höher gestuft, worauf sie sehr stolz ist. Neben Deutsch, das sie immer besser versteht und spricht, hat sie nun auch Fächer wie Ethik, Arbeitslehre und Geographie. Mathe ist ihr Lieblingsfach.
Mit deutschen Jugendlichen hat sie wenig zu tun, ihre beste Freundin ist Nigerianerin und geht mit ihr in die Klasse. Manchmal gehen sie zum Bowlen. Sie findet es nicht immer einfach in dem neuen Land. Wenn sie jemand auf der Strasse anspricht und zum Bespiel nach dem Weg fragt, seien die Menschen leider weniger hilfsbereit.
"Vielleicht liegt das daran", meint sie, "dass mein Deutsch noch nicht so gut ist". In Afrika sei das ganz anders, die Menschen seien offener. Am Anfang fiel ihr es schon sehr schwer, sich in ihrem neuen Leben zurechtzufinden. "Die Kultur ist so anders als in Afrika", meint sie.
Es wird deutlich, ein bisschen vermisst sie die Heimat schon, aber "es ist jetzt ok hier", wie sie sagt.
In dem Wohnheim, in dem sie ein Zimmer bewohnt, scheint sie so etwas wie ein neues Zuhause gefunden zu haben. Pädagogen betreuen dort hilfsbedürftige Kinder und Jugendliche aus Deutschland und dem Ausland. Manche kommen zu Tagesgruppen, andere bleiben eine kurze Zeit und kehren dann in ihre Familien zurück, wieder andere, wie Samira, können dort längerfristig wohnen.
Was vermisst sie? Als sie überlegt, wird Samiras Blick leicht verträumt. "Am meisten meine Freunde", sagt sie. An die Zukunft hat sie noch nicht viel gedacht. "Erstmal die Schule fertig machen", meint sie nach längerem Überlegen, "aber ich weiß ja noch gar nicht, ob ich hier bleiben kann." Und wenn? "Dann würde ich gern Krankenschwester werden."
* Name geändert
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Samira kam mit 16 Jahren nach Deutschland. © UNHCR/S.Börner |