Safin trägt Baggy-Hosen, ein weites T-Shirt und die Kappe schief. Darunter blitzt ein rotes Tuch hervor. Er steht auf Hip Hop, hört Eminem, 2pac und 50 Cent und zieht nach der Schule gern mit seinen Freunden durch die Gegend. Manchmal schwänzt er auch die Schule. Eigentlich ist der 13-jährige Safin Salam ein ganz normaler Junge.
Vor zweieinhalb Jahren sah die Welt für den Kurden noch anders aus. 2002 flüchtete Safin mit seiner Mutter Shirin aus seiner Heimatstadt Suleimanya im Nordirak. "Es war schwer, von dort wegzugehen. Ich hatte viele Freunde dort", sagt er mit gesenkter Stimme.
Im Irak war sein Vater Taxifahrer, seine Mutter Hausfrau. Wenn Safin an damals denkt, wird er sehr traurig: "Eigentlich war das Leben im Irak in Ordnung, bis mein Vater starb, da ging es mir sehr schlecht." Sein Vater wurde bei gewaltsamen Auseinandersetzungen im Irak auf offener Straße erschossen. Das war im Jahr 2002.
Einige Zeit nach dem Tod des Vaters begannen die Drohungen gegen seine Mutter. Weil sie sich weigerte, ein Kopftuch zu tragen und nicht nur im Haus rauchte, wurde sie belästigt, beschimpft und bedroht. Sie fühlte sich nicht mehr sicher in ihrer Stadt. Safins Großeltern sind alt und konnten sie nicht beschützen. Da beschloss seine Mutter, nach Europa zu fliehen. Mitgenommen haben sie nur ihre Kleidung und 6000 US-Dollar für die Schlepper. Nach einigen Tagen im Iran führte sie ihr Weg über die Türkei nach Österreich: versteckt auf der Ladefläche eines LKW.
Safin und seine Mutter kamen im Jänner 2003 in Österreich an, es hatte damals leicht geschneit. Ein Unterschied zu seiner Heimat. Ihre Unterkunft am Wiener Gürtel bezogen sie hungrig. Es war spät, als sie ankamen. Ein Mitbewohner lud Safin in ein ägyptisches Lokal auf seine erste österreichische Mahlzeit ein: Pizza.
Dort lebten Safin und seine Mutter zwei Jahre lang, dann zogen sie in das Flüchtlingsheim des evangelischen Flüchtlingsdienstes der "Diakonie" in Wien Alsergrund. In der Glasergasse gefällt es ihm, aber zu seinem Bedauern leben keine anderen Kurden hier außer einer syrisch-kurdischen Familie. Die jetzige Wohnung im Flüchtlingsheim ist klein, ein länglicher Raum mit zwei Betten, gegenüber erstreckt sich ein Regal mit Küchenutensilien und einem Kasten so alt, dass seine Türen über die Jahre ausgerissen sind. Ein Waschbecken hat das Zimmer, das WC am Gang teilen sich die Vertriebenen mit sechs anderen Familien.
Die ersten Monate waren schwierig für Safin. Alles war fremd, er wollte spazieren gehen, aber er kannte sich nicht aus in Wien. Als er sich die Hand gebrochen hatte, musste er einen Krankenschein holen: "Man gab uns eine Karte mit der Wegbeschreibung, wir haben 24 Stunden suchen müssen, um hinzufinden. Aber jetzt, jetzt kenne ich alle Wege", lacht er.
Seit seiner Ankunft in Österreich besuchte Safin die Schule und einen Deutschkurs. Heute geht er in das Erich-Fried-Gymnasium in der Glasergasse, direkt neben dem Wohnheim. An seinen ersten Tag in der Schule erinnert er sich: Es war schwer, weil er ganz allein hin musste und nichts verstanden hat. Jetzt ist er aber froh, weil er nicht nur Deutsch, sondern viele verschiedene Ausdrücke auf Serbisch, Arabisch (die ägyptische Variante) und Bulgarisch gelernt hat. In der Schule geht es ihm gut, seine Mutter ist sehr stolz auf ihn. Mathematik ist sein Lieblingsfach, Geschichte mag er überhaupt nicht.
Nach dem Unterricht und der Hausübung trifft er meistens Freunde und geht spazieren. Im Prater ist er besonders gern. Regelmäßig am Wochenende spielt er Billard: "Ich bin kein Profi, aber ich kann sehr gut Billard spielen." Im Sommer geht er oft ins Döblinger Bad schwimmen. Dreimal die Woche spielt er im nahe gelegenen Park auf der Rossauer Lände Fußball. Safins Freundeskreis ist multikulturell: Er hat Freunde aus der Türkei, dem ehemaligen Jugoslawien und Österreich. "Meistens bin ich mit zwei, drei Freunden unterwegs, manchmal auch mit einer Gruppe von zehn", sagt er und lacht.
Safin hat gelernt, optimistisch zu bleiben. "Hier sind wir eigentlich
frei. Ich kann alles machen, was ich möchte. Hier in Österreich
ist es perfekt", sagt er bestimmt. Seine größten Probleme
hier waren bis jetzt kleine Streitereien im Schulalltag - die gehören
einfach dazu.
Wenn er die Schule abgeschlossen hat, hat er große Ziele: Er möchte
Arzt werden. "Wegen meinem Fuß und der Hand", fügt er
lachend hinzu. Beides hat er sich ja schon öfters gebrochen. Nicht nur
für sich selbst, er möchte einfach anderen Menschen helfen.
Den Optimismus scheint Safin von seiner Mutter Shirin zu haben, einer freundlichen
Frau mit sanftem Lächeln und Kajal umrandeten Augen. Er versteht sich
sehr gut mit ihr: "Wir lachen nur gemeinsam, es gibt kein Weinen mehr",
meint er lächelnd.
Einen Häuserblock weiter hat das Jugendzentrum Z'SAM (Zukunft und Spaß als Mensch) einen einwöchigen Aufenthalt im Burgenland organisiert. Auch Safin wird dabeisein und einige Tage abseits vom Flüchtlingsheim das unbeschwerte Leben eines Jugendlichen genießen.
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Safin kam 2002 mit seiner Mutter aus dem Nordirak nach Deutschland. © UNHCR |