Bericht von Morina J., Flüchtling aus dem Kosovo:
"Meine ersten Lebensjahre verbrachte ich in meiner Heimat Nashpall, Kosova. Als ich 15 Jahre alt war brach der Krieg aus. Nachdem unser Haus zerstört wurde, flüchteten zuerst meine Mutter und meine kleine Schwester zu unserem Vater nach Liechtenstein, wo dieser arbeitete. Zu jener Zeit war an eine "normale" Reise nicht zu denken. Schlepper brachten die Flüchtenden über die Grenze und organisierten den Transport. Nachdem Mutter und Schwester gut in Liechtenstein angekommen waren, wagten auch mein älterer Bruder und ich die Flucht.
Kurz nach unserer Ankunft in Liechtenstein begann für uns der Schulunterricht. Zuerst besuchten wir den Deutschkurs im Flüchtlingszentrum. Doch schon nach drei Tagen durften wir mit dem Intensiv-Deutschkurs in Eschen beginnen. Ich verstand überhaupt nichts; es war schwer und ungewohnt. Dennoch hatte ich keine Angst und fühlte mich nicht allein, denn mein älterer Bruder war bei mir und die Lehrerin war sehr freundlich.
Unsere Klasse bestand aus etwa 15 Jungen und Mädchen aus dem Kosovo. Wir fuhren mit dem öffentlichen Bus zur Schule, denn wir wohnten in Triesenberg. Das Mittagessen durften wir im Schülerrestaurant einnehmen, was unsere Integration in den ganzen Schulbetrieb förderte und Kontakte ermöglichte.
Die ersten zwei Monate waren hart, als ich aber über einen gewissen Wortschatz verfügte und die Lehrerin besser verstand, ging alles viel leichter und ich machte schneller Fortschritte. Unsere Klasse erhielt Besuche von Primarschulklassen und wir machten einen Gegenbesuch. Wir fühlten uns als Gruppe, hatten eine gute Atmosphäre und die Schule machte mir grosse Freude. Ich verdanke es vor allem dieser Lehrerin, dass diese 8 Monate für mich zu einem besonderen Erlebnis wurden. Die Unterstützung, die ich in dieser Zeit erhielt, hat meinen weiteren Weg geprägt.
Ich stand vor der Berufswahl. Ich wollte Fliesenleger oder Sanitär-Installateur werden. Mein Vater erzählte dies einem Freund und eine Woche später hatte ich die Zusage für eine Lehrstelle als Fliesenleger. Mich interessierte dieser Beruf, weil es eine schöne Arbeit ist und man dabei kreativ sein kann. Ich begann die Vorlehre in meinem späteren Lehrbetrieb, d.h. ich besuchte 2,5 Tage in der Woche das Berufsschulzentrum in Buchs und 2,5 Tage arbeitete ich im Lehrbetrieb. In der neuen Klasse gab es verschiedene Nationen. Wir verstanden uns gut, wiederum durften wir auf die Unterstützung der Lehrer zählen. Im Lehrbetrieb wurde ich ebenfalls gut aufgenommen und akzeptiert. Vor allem mein Chef kümmerte sich um mich und bot Hilfe, wenn ich diese brauchte.
Die Schweizer ermöglichten mir die Teilnahme an den schweizerischen Landesmeisterschaften und im Südtirol durfte ich für die Liechtensteiner antreten.
Der Höhepunkt meines bisherigen Lebens war die Teilnahme an der Berufsolympiade in Helsinki. Die liechtensteinische Delegation wurde unterstützt und begleitet durch das Amt für Berufsbildung. Für mich war es ein einmaliges Erlebnis, in Finnland meine beruflichen Fähigkeiten mit 40 Nationen messen zu dürfen. Die Bronzemedaille war dann auch ein Grund zu riesiger Freude. Zum Abschluss wurden wir von S.D. dem Landesfürsten auf Schloss Vaduz empfangen.
Meine Freizeit verbrachte ich hauptsächlich mit meiner Familie und meinen Verwandten. Später ging ich zum Fussballtraining. Die Vorbereitungen auf die Berufswettbewerbe und die Berufsolympiade beanspruchten sehr viel meiner Freizeit, machten mir aber sehr viel Spass. Ich habe Freunde gefunden in der Schule, am Arbeitsplatz und in meinem Berufsolympiade-Team.
Jetzt möchte ich weiterkommen, mich weiterbilden. Auch hier darf ich wieder auf Unterstützung zählen: Mein Fachexperte bei der BO berät mich und organisiert Kurse für mich. Ich bin ein Glückspilz!"
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Morina nahm als Fliesenleger an der Berufsolympiade in Helsinki teil. © UNHCR |