Asyl in einem neuen Land zu finden, weckt Hoffnungen bei Menschen auf der Flucht: Ein Leben in Freiheit zu beginnen, neue Chancen wahrzunehmen, auch Arbeit zu finden. Doch nicht immer funktioniert das, was man Integration nennt.
"Zwei Nächte lang musste ich auf der Strasse schlafen, das war ich nicht gewohnt", erzählt Asset Magomadova (Name von der Redaktion geändert). Die Stimme der Frau ist leise und zittrig, sie kann die Tränen kaum zurückhalten.
Früher war die mittlerweile 50-jährige Tschetschenin solche Umstände tatsächlich nicht gewohnt, im Gegenteil: In ihrer Heimat war sie Kinderärztin und arbeitete zudem bei einer humanitären Organisation. Durch die Gewalt in Tschetschenien und die Flucht hat sich ihr Leben grundlegend verändert - im Asylland Österreich arbeitet sie jetzt als Putzfrau.
Frau Magomadova war schon bei der Geburt ein Flüchtling. Ihre Eltern wurden in den 1950er Jahren nach Kasachstan deportiert, fern von der Heimat kam die kleine Asset auf die Welt. Nach der Rückkehr nach Tschetschenien schien das Leben dann einen geordneten Lauf zu nehmen. Asset Magomadova wuchs in der Hauptstadt Grosny auf, ging dort in die Schule, machte eine medizinische Ausbildung und arbeitete bei der Rettung. Nebenher studierte sie an der Universität und arbeitete - nach der erfolgreichen Beendigung des Studiums - ab 1992 als Ärztin. Zudem engagierte sich die Mutter von vier Kindern auch bei einer Hilfsorganisation, bereiste das Land und besuchte Krankenhäuser und Dörfer in ganz Tschetschenien.
Die ehrgeizige Frau hatte sich eine Existenz aufgebaut, und sie schaffte es, Familie und Arbeit unter einen Hut zu bringen. Doch schon bald sah sich Asset Magomadova durch die neuerlich ausbrechende Gewalt in ihrer Heimat wieder zu einer Flucht gezwungen. Wie Tausende andere Tschetschenen flüchtete sie mitsamt ihrer Familie 1999 ins benachbarte Inguschetien. Dort waren Notunterkünfte für die ankommenden Flüchtlinge errichtet worden. "In den Lagern herrschten zwar furchtbare Verhältnisse, aber wenigstens hatten wir einen Unterschlupf", berichtet Frau Magomadova.
Die Angst vor neuerlicher Gewalt war auch in Inguschetien allgegenwärtig. "Ich arbeitete für eine humanitären Organisation, das war den Russen ein Dorn im Auge", vermutet die Tschetschenin. "Noch heute werde ich nervös, sobald ich irgendwo die russische Sprache höre. Ich lebe immer noch in Angst."
2003 führte sie die Flucht schließlich nach Österreich, wo sie als Flüchtling anerkannt wurde. Zuerst lebte Frau Magomadova im Flüchtlingslager Traiskirchen, dann sogar zwei Tage lang auf der Straße. "Das ist mir sonst nirgends passiert", sagt die Frau und schluckt ein paar Tränen hinunter, bevor sie weiter sprechen kann. Schließlich konnte Frau Magomadova mit ihrem Mann und drei Kindern doch noch eine bescheidene Wohnung in Wien finden.
Der Familienvater arbeitete früher als Techniker, ist jetzt aber schon sechzig und im Ruhestand. "Daher brauchte ich unbedingt eine Arbeit", erzählt Asset Magomadova. Die Jobsuche gestaltete sich jedoch ungemein schwierig, obwohl die Akademikerin neben Russisch und Tschetschenisch auch Englisch spricht und zudem einen Deutschkurs besucht. Daher arbeitet Frau Magomadova als Reinigungskraft - 40 Stunden die Woche für nicht einmal 500 Euro.
Die Hoffnung auf eine Arbeit im angestammten Beruf als Ärztin hat Asset Magomadova aufgegeben. "Immerhin bin ich schon 50, niemand stellt eine 50-Jährige ein", meint sie. Zumindest einen Job als Altenpflegerin oder Krankenschwester würde sich die Tschetschenin wünschen, allzu optimistisch klingt die Frau allerdings nicht. "Ich hatte zwar Vorstellungsgespräche, aber bislang war ich nicht erfolgreich", erzählt sie und fügt verbittert hinzu: "Ich kenne hier auch niemanden, der mir helfen könnte. Alle meine Freunde sind in Tschetschenien oder Inguschetien."
Trotz allem sieht Asset Magomadova die Zukunft ihrer Familie in Österreich. Die Kinder sollen studieren, um hier ein besseres Leben führen zu können als in der Heimat. Ebendiese Heimat ist entfernter denn je, obwohl die Flucht aus Tschetschenien erst wenige Jahre zurück liegt. Eine Rückkehr ist unmöglich. "Ich vergesse sogar schon tschetschenische Wörter", berichtet Asset Magomadova. Eine ihrer Töchter ist noch immer in Inguschetien. "Ich hoffe, sie kann bald hierher kommen, denn dort ist es zu gefährlich", schildert die besorgte Mutter. Sie weiß, wovon sie spricht.
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Frauen in der zerstörten Stadt Grosny. © UNHCR/T.Bolstad |