"In der Fremde zu schreiben bedeutet, denselben Himmel, dieselbe Sonne, dieselben Sterne, denselben Mond wie die Einheimischen anzuschauen, dieselbe Luft, wie sie einzuatmen, derselben Natur, aber nicht denselben Landesgesetzen unterworfen zu sein", schreibt der Schriftsteller Dimitré Dinev in seinem Essay "In der Fremde schreiben". Illegalisiert oder benachteiligt zu sein, aber Humor und Mut nicht zu verlieren, vermittelt er in seinen Erzählungen. Wesentliche Eigenschaft: "Die eigentliche Fremde ist jener Ort, von wo man jederzeit abgeschoben werden kann." Zentrale Themen in Dinevs Werken sind Menschen am Rand der Gesellschaft und das Flüchtlings-Dasein.
Ein Dasein, dem Dinev selbst ein Ende bereitete. Der 37-jährige Dichter blieb in jener Fremde, bekam 2003 die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen und machte "das Wort zu seiner Heimat". Dimitré Dinev wurde 1968 in Plovdiv, Bulgarien geboren. 1990 floh er vor dem kommunistischen Regime über die Grüne Grenze nach Österreich. Erster Halt: das Flüchtlingslager Traiskirchen. Die Kraft zum Schreiben aufzubringen in der Zeit als Flüchtling, war nicht leicht. Doch wenn er es in der kommunistischen Armee fertig gebracht hatte, nachts zu schreiben, könne er das auch hier, meint der in Wien lebende Autor.
Dinev studierte Philosophie und russische Sprachwissenschaft in Wien, veröffentlichte ab 1992 in deutscher Sprache und schaffte 2002 den Durchbruch beim Deuticke-Verlag. Dinevs Erstlingsroman erschien 2003 mit "Engelszungen". Einhellig von Kritik und Publikum angenommen, rückte es im Dezember 2003 sogar in die Bestsellerlisten. Das Schreiben in einer Fremdsprache sieht er als logische Konsequenz seiner Lebensumstände: Deutsch sei für ihn die Sprache, mit der er beschimpft und geliebt werde, sein Brot kaufe und Arbeit suchte. Dinevs Weg vom ehemaligen Flüchtling zum bekannten Literaten hat sich gelohnt: Inzwischen hat er vom weltbekannten Burgtheater an der Wiener Ringstraße den Auftrag, ein Stück zu schreiben - schon für einen "ganz normalen Dichter" wäre das etwas ganz Besonderes, erst recht für einen Flüchtling, der die Sprache dieser Bühne erst spät zu beherrschen gelernt hat.
Dinev erzählt in spontanen, satirischen Worten, lässt Wunderbares neben Schrecklichem herlaufen. Die Unterprivilegierten sind das Thema, sein Mittel ist trockener Humor, das Ergebnis ein Wechsel aus Einzelschicksalen und Lebensbejahung.
Den Werdegang des Flüchtlings Spas mit Höhen und Tiefen thematisiert Dinev in der Erzählung "Spas schläft" aus dem Band "Ein Licht über dem Kopf". Er schreibt von der Bedeutung der Arbeit: "Arbeit war das erste Wort, das Spas auf Deutsch gelernt hatte. Es war weder das Wort Liebe noch das Wort Hoffnung, geschweige denn Glaube. Denn ohne Arbeit gab es nichts als Angst. Dies war das Wort am Anfang. Erst dann kamen die vielen anderen. So war es für jeden Flüchtling. Arbeit war ein magisches Wort."
Das Arbeiten für die Literatur hat Dinev bis zu seinem Durchbruch viel Kraft abverlangt: "Auch Literatur ist Arbeit. Also sind die meisten Literaturstipendien, genau wie die Arbeitsplätze, an die Staatsbürgerschaft gekoppelt. Die Frage, woher man kommt, ist leichter zu beantworten als die Frage, wer man ist, oder die Frage, wohin man geht, geschweige denn, wie man schreibt." Durchzuhalten war eine Herausforderung, denn "der Weg von der Hand zur Feder" war lang - bis zu der Erkenntnis, "dass das Wort seine Heimat ist".
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Dimitré Dinev gehört heute zu den erfolgreichen Autoren im deutschsprachigen Raum. © Zsolnay / Deuticke |